Dr. Enno Wolf hat umfangreiche Erfahrung in der Energiewirtschaft – er war unter anderem Chief Operating Officer bei Lichtblick und hat dort neben einer strategischen Neuausrichtung mit einer Verdopplung des Unternehmens in Umsatz, Kundenanzahl und Profitabilität die Integration erneuerbarer Energien sowie innovative Energielösungen maßgeblich vorangetrieben. Während dieser Zeit hat er unter anderem das Großbatterieprojekt Röhrsdorf mit 100 MW und 400 MWh in die Realisierung gebracht – ein Projekt mit Signalwirkung für Speicher und moderne Energiesysteme. Zuvor war Dr. Wolf mehrere Jahre in der Energiewirtschaft u.a für Orsted und tsmc tätig, Begonnen hatte er ursprünglich einmal bei McKinsey &Company und hat dort Unternehmen u.a. aus der Energie- und Infrastrukturbranche in Strategie, Transformation und operativer Exzellenz beraten. Diese Kombination aus strategischer Perspektive und praktischer Umsetzung macht seine Einschätzungen besonders wertvoll.
Herr Dr. Wolf, Sie haben langjährige Erfahrung in der Energiewirtschaft, unter anderem als COO von Lichtblick sowie CEO von Orsted Sales & Markets sowie durch ihre Tätigkeit in internationalen Beratungen. Können Sie uns kurz Ihre Praxisbezüge zu Energiespeichern schildern?
Mein erster Kontakt mit Batteriespeichern liegt knapp über zehn Jahre zurück, damals im B2B Umfeld. Wir haben Peak-Shaving Lösungen mit kombinierter PRL realisiert für Unternehmen, die ihre Energiekosten dauerhaft senken wollten, das hat damals ganz gut geklappt, die Kunden riefen Jahre später noch an und wollten weitere Lösungen. Bei Lichtblick habe ich unter anderem das Großbatterieprojekt Röhrsdorf mit 100 MW Leistung und 400 MWh Speicher in die Umsetzung gebracht – ein Projekt mit Signalwirkung für die zukünftige Rolle von Speichern in Energiesystemen. Da kommt auch noch mehr in der Pipeline.
Heute ist viel die Rede von Netzparallelspeichern und Schwarzstartfähigkeit. Wie sehen Sie den Stand der Technik?
Technisch könnten viele Speicher heute von klein bis groß Inselbetrieb leisten – und der Komponentenseite ist viel passiert. In der Produktion von High Tech Komponenten wie z.B. Mikro-Chips werden Werke vielfach durch Groß-Batterien vom Netz zur Sicherheit entkoppelt. Das stellt die Vermeidung von für die Chargen schädlichen Mikro Blackouts sicher und gewährleistet zugleich ein stabiles Netz für die Produktion. Die Herausforderung für Batterien liegt derzeit eher in den regulatorischen und vergütungstechnischen Rahmenbedingungen, insbesondere bei netzgebundenen Speichern im Verteilnetz. Für die Planung und Umsetzung braucht es klare Rahmenbedingungen und vor allem Kontinuität in Zusagen durch die Politik. Da muss die aktuelle Regierung noch was Lernen und man sollte sich an verfassungsrechtliche Grundsätze bei Bestandsschutz-Fragen halten.
Welche Rolle spielen Partnerschaften bei der Umsetzung solcher Projekte?
Schon bei der Projektentwicklung braucht es nach meiner Erfahrung kompetente lokale Partner, die helfen, die Projekte effizient zur Baureife zu bringen. Viele Projekte und Entwickler haben für die Umsetzung Finanzierungspartner, die Investitionen können hier ja schnell sehr groß werden. Auch beim Bau durch die sogenannten EPC Firmen sind eingespielte Beziehungen sehr wichtig. Die Anlagen sind sehr komplex, sehr teuer und gehören oft zur kritischen Infrastruktur. Viele Investoren haben daher eine engere Auswahl an zuverlässigen Vertragspartnern, man kann in solchen Beziehungen gemeinsam Standards setzen und Synergien heben, gemeinsam besser und schneller werden.
Kommen wir zum Recycling der Batterien. Wie nachhaltig sind heutige Speicherlösungen?
Das ist eine Herausforderung. Nickel-Mangan-Kobalt-Batterien werden inzwischen wohl gut recycelt, aber neue Chemien und Zusammensetzungen wie Eisenphosphat oder Natrium erfordern neue Verfahren. Klassisches Schreddern reicht hier nicht mehr. Man muss Komponenten gezielt isolieren und aufbereiten – die EU-Batterieverordnung macht dies endlich verpflichtend. War bei PV Modulen früher übrigens auch mal ein Thema, heute gibt’s diverse Recycling Verfahren. Da sind wir viel besser geworden. Sind ja wertvolle Inhaltsstoffe drin enthalten. Ähnliches erwarte ich für den Batteriemarkt.
Wie berechenbar ist die Wirtschaftlichkeit von Speichern?
Derzeit machen Speicher Spaß. Es wird sehr viel investiert. Es kommt für die weitere Einschätzung zur Wirtschaftlichkeit insbesondere auf die weitere regulatorische Entwicklung an. Kleine Speicher werden oft als Teil von Heim PV Anlagen genutzt, da treibt der optimierte Eigenverbrauch im Vergleich zum hohem Strompreis aus dem Netz den eigenen Business-Case. Zunehmend kann auch Mikro Flexibilität zu Hause vermarktet werden. Da ist viel Bewegung im Markt. Auch das Thema bidirektionales Laden wird uns noch viel Flexibilität zu Hause bringen.
Bei größeren Speichern etwa in Industriebetrieben kommen bisher oft Peak Shaving und bisher Regel-Energie als weitere Umsätze mit dazu. Zunehmend auch Intraday und auch optimierter Eigenverbrauch. Treiber sind auch CO₂ Vermeidung und Optimierung. Hier kann neben PV auf dem Dach des Betriebs das Ganze oft mit einer Ladeanlage für E-PKW sinnvoll kombiniert werden, ein weiterer Hebel in der Wirtschaftlichkeit. Hier ist aktuell auch viel Bewegung im Markt.
Großspeicher machen mit der aktuellen Regulatorik oftmals eine sehr gute Wirtschaftlichkeit, hier sehen wir gerade einen gewissen „Boom“. Hier kommt es auf die Intraday-Preis-Entwicklung, die Regelungen zu Ausnahmen der Netznutzung, Baukostenzuschüsse und die Kosten und begrenzten Zugänge zum Netz an. Der Preisverfall bei den Batterie-Systemen hat die Wirtschaftlichkeit dieses Segments spürbar unterstützt.
Und wie schätzen Sie den Einsatz von Wasserstoff im Vergleich zu Batterien ein?
Wasserstoff hat vor allem bei Verbrennungsmotoren erhebliche Wirkungsgradprobleme, etwa bei Verflüssigung: Rund 40 % des Wasserstoffs gehen nach Experten allein für die Kühlung verloren. Für LKWs ist das wirtschaftlich wohl immer noch schwierig, für Flugzeuge auf Langstrecke bleiben Flüssigkraftstoffe oder E-Fuels beim aktuellen Stand der Technik die derzeitig praktikabelste Option. Batterien werden bei weiterer Verbesserung und rückläufigen Preisen eine wesentliche Rückgrat-Komponente der Elektromobilität und der weiteren Energiewende sein. Klar wird es auch neue Gas-Kraftwerke brauchen. Frage ist nur wie viele. Die Batterietechnik entwickelt sich aktuell rasant technisch und kostenseitig weiter.
Herr Dr. Wolf, vielen Dank für das Gespräch.